All Or Nothing mit den Panthers

All Or Nothing ist wieder da – diesmal mit den Panthers 2018! Also mittlerweile schon ein paar Tage, aber solange habe ich gebraucht, die Folgen durchzuschauen. Das bedeutet gleichzeitig, dass der Saisonstart im Schneckentempo unausweichlich auf uns zukommt… und zur Verkürzung der Offseason ist All Or Nothing (genauso wie Hard Knocks, das auch schon vor der Tür steht) mit den Carolina Panthers absolut perfekt.

Vor drei Jahren brachte Amazon (in Verbindung mit NFL Films) die Serie zum ersten Mal auf die Bildschirme – damals mit den Arizona Cardinals. Das ganze Projekt war erst nach der Saison bekanntgemacht worden und bis dahin hatte kaum jemand gewusst, dass die Cardinals die komplette Spielzeit von einem Kamerateam begleitet worden waren. Die Cardinals blieben eindeutig hinter den Erwartungen zurück – ganz im Gegenteil jedoch zu dem Format, das prompt diverse Preise abräumte.

Hard Knocks, bis dahin der Goldstandard, was NFL-Formate anging, war schon immer hervorragend. Doch All or Nothing fühlte sich an wie Hard Knocks auf Steroiden (den Spruch hab ich geklaut).

 

Die Voraussetzungen

Es ist lediglich ein Amazon Prime Account nötig; wer den noch nicht hat, kann hier den kostenfreien Testmonat abschließen, was völlig genügt (nur rechtzeitig kündigen, wenn man nicht dauerhaft Prime-Kunde werden will):

Amazon Prime Video Testmonat

Es handelt sich bei der Staffel mit den Panthers um das englische Original. In diesem Jahr allerdings (erstmals glaube ich) auch sofort mit deutscher Tonoption (das dauerte sonst ein paar Wochen).

 

Der Trailer

 

Das Team

So wirklich ist mir nicht klar, warum man die Carolina Panthers ausgewählt hat. Sie sind – abgesehen von Cam Newton – alles andere als aufregend. Vielleicht hing es mit dem neuen Owner David Tepper zusammen; unter dessen vom Hof gejagten Vorgänger Jerry Richardson hätte es diese Staffel sicher nicht in Carolina gegeben. Der ist eher der „Get Off My Lawn Guy“ (da fällt mir ja überhaupt keine treffende Übersetzung ein).

Meine Begeisterung hielt sich jedenfalls in engen Grenzen, als ich „nebenher“ erfuhr, welches Team diesmal begleitet worden war. Gefühlt fiel auch dieses Mal jeglicher Werberummel im Vorfeld aus. Eigentlich undenkbar, dass ich vier Wochen lang nicht mitbekommen hatte, dass die Panthers auserwählt worden waren. Dazu später aber bei der Kritik mehr.

 

Die Hauptdarsteller

Natürlich ist da zuallererst Quarterback Cam Newton zu nennen. Der Mann polarisiert die Fanwelt außerhalb der Panthers sowieso und nach dieser Staffel dürfte sich das kaum geändert haben:

Ich finde seinen Stil auf dem Feld super-aufregend (klingt jetzt etwas schräg, aber ich steh dazu); ich kann aber mit seinem Stil abseits des Feldes (z.B. die für mich absolut lächerlichen Anzüge) überhaupt nichts anfangen. Dazu kamen jetzt gleich noch zwei zusätzliche Kritikpunkte, was ihn persönlich angeht:

1. Er raucht. Zwar Zigarre und wahrscheinlich zum Genuss, aber für mich geht das bei einem Profisportler überhaupt nicht (wie sich leicht vermuten lässt, habe ich noch nie geraucht). Passenderweise besitzt er wohl sogar noch eine Raucherbar für die freiwillig-unfreiwillig geworben wird, aber ich fand das mehr als seltsam.

2. Er fährt nachts mit einer Art Moped durch die Gegend. Und quasi ohne Licht. Es könnte an meinem richtigen Beruf liegen, dass es mir da die Haare aufstellt, aber viel leichtsinnigere Aktionen, als ohne Helm und mit maximal wenig Licht durch die Stadt zu cruisen, fallen mir nicht ein.

 

Greg Olsen

Ich hätte ja viel vermutet, aber nicht, dass Tight End Greg Olsen ein Dauer-Trashtalker ist. Das war unerwartet, aber tatsächlich meistens lustig. Nicht so lustig waren die Probleme mit seinem Fuß, die ausführlich behandelt wurden.

 

Riverboat Ron Riviera

Der Headcoach ist natürlich – wie in jeder Staffel – ebenfalls einer der Hauptakteure. Von dem hatte ich bislang nicht allzu viel gehalten, aber hier empfand ich ihn als sympathisch und einen Leader.

 

Owner David Tepper

Er bekam fast so viel „Airtime“ wir Jerry Jones in der letztjährigen Cowboys-Staffel… Und das will angesichts der Kameraverliebtheit von Jerry wirklich was heißen. Der Hedgefond-Manager ist ein absolut interessanter Mann und war für mich eine der positiveren Überraschungen der Staffel.

 

Donte Jackson, Luke Kuechly, Christian McCaffrey

Sie – und einige andere – kamen immer wieder einmal vor. Aber wirklich Neues erfuhr man höchstens über Donte Jackson, der nicht nur einmal kritisiert wurde.

 

Die Kritik

Vorweg: Ich bin ein glühender Anhänger des Formats und das quasi seit Minute 1, woran sich auch so schnell nichts ändern wird. Aber ich hatte mit dieser Staffel eine ganze Reihe Probleme.

Die Enttäuschungen

1. Im Vorfeld gab es aus meiner Sicht keinerlei Werbung für die Staffel. Das wäre jetzt nicht soo schlimm, wenn ich nicht immer danach hätte suchen müssen. Wann kommts raus? Welches Team? Gibt es überhaupt eine Staffel? Vielleicht empfand Amazon die Staffel selbst als nicht besonders gelungen und wollte deshalb nicht zu sehr die Werbetrommel rühren.

2.Fast genauso ging es mir mit der Suche, bevor ich die Folgen ansehen konnte: Weder in den Apps auf iPad bzw. iPhone noch über fire TV ließ sich die Staffel irgendwo prominent finden. Stattdessen musste man entweder das Logo der Staffel mit den Cardinals anklicken, dann die Staffel auf „4“ ändern (auch noch ohne Teamnennung) und kam so hin, oder man suchte gezielt nach „Carolina Panthers“. Die Suche nach „All Or Nothing“ brachte nämlich auf der ersten Trefferseite alles Mögliche, aber nicht die Panthers. Und mal ehrlich: Wenn man so umständlich danach suchen muss, ist etwas faul.

3. Die deutsche Synchronisation stellte mir ebenfalls die Haare auf. Was nicht weiter schlimm ist, da ich nicht mehr allzu viele habe und zudem sowieso lieber auf Englisch schaue. Allerdings musste ich bei jeder Folge von neuem händisch die Tonspur wechseln.

4. Die Übersetzungen, die eingeblendet wurden, waren an sich schon sehr witzig (im Sinne von ungewollt witzig): Bei „Week Three“ durfte man tatsächlich „Woche Drei“ lesen und noch besser war der „Walkthrough“ in Folge 5, der mit „Durchlauf“ eingeblendet wurde. Ich hoffe, es meldet sich jemand bei mir, dem diese wahnsinnig wichtigen Übersetzungen geholfen haben.

5. Ähnliche Rohrkrepierer waren die deutschen Titel der einzelnen Folgen: „Weiter nach ganz oben“, „Die neue Saison“ (Folge 7…) und „Dezember-Football“ waren meine Favoriten.

6. Mein größer Kritikpunkt waren jedoch die (fehlenden) Storylines. Themen werden angerissen und dann nicht mehr erwähnt, anstatt so etwas Ähnliches wie einen roten Faden zu kreiern: LB Luke Kuechly, anerkannt einer der besten Spieler der Liga auf seiner Position, kommt erstmals in Folge 3 vor und dann maximal sporadisch. Die Verpflichtung von SS Eric Reid, ein absolutes Politikum aufgrund seines Abkniens mit Colin Kaepernick (#ImwithCap), ist ebenfalls ausführlich Thema in Folge 3. Und dann gibts quasi den Rest der Staffel keinen Schnipsel mehr zu der Thematik – oder zu Reid. Für mich war das wie eine mehr oder weniger lose Aneinanderreihung von „Leuchttürmen“, die anschließend kaum mehr aufgegriffen wurden.

Ergänzung (Danke an @SveMaHe !): Einen Aufreger rund um Eric Reid hatte ich komplett vergessen: Im Dezember hatte er sich öffentlich beklagt, dass er sieben Mal in elf Wochen zum Dopingtest geschickt worden wäre. Die Story schlug Wellen – unterstellte er doch der NFL (und der für die Tests mit zuständigen Spielergewerkschaft NFLPA), dass sie ihn aufgrund seiner Kritik an der Liga drangsalieren und loshaben möchten. Nachdem die Teilnehmer der Tests je Spiel (zehn pro Team) im Vorfeld ausgelost werden, wäre die Wahrscheinlichkeit .195 % gewesen, dass es ihn so oft trifft. Eine vollständige Untersuchung von NFL und NFLPA hatte laut deren Statement wenige Wochen später dann ergeben, dass alles mit rechten Dingen zugegangen wäre (und er gar nicht so oft wie angegeben getestet worden ist). Das Thema beherrschte die NFL-Schlagzeilen (nicht nur in Carolina!) für knapp zwei Wochen. Und findet keinerlei Eingang in die Serie…

7. Der Ex-Owner Jerry Richardson, der das Team „erschaffen“ hatte, wird komplett ausgelassen. Dabei war sein Abgang aufgrund seltsamster Verhaltensweisen (und sexuell anrüchiger Geschichten) lange Thema bis zum Verkauf an Tepper. Wenn also eine Franchise nach zwanzig Jahren in andere Hände gelangt und das noch nicht ewig, sondern nur ein paar Monate, zurückliegt, sollte man das wohl erwähnen.

Insgesamt verfestigte sich der Eindruck, dass alle auch nur im entferntesten kritischen Themen möglichst ausgeblendet werden sollten. Für mich sieht die Staffel nach einem Werbefilm für die Panthers aus, der jedoch scheitert, weil das Team im Lauf der Saison komplett einbricht und sich – zumindest bei mir – keine große Bindung zu den Charakteren einstellt. Ich habe da starke Parallelen zu der zweiten Staffel mit den Rams erkannt. Aus der kann ich keine drei Sachen mehr aus dem Kopf zitieren und hier wird mir das schnell genauso gehen.

State of the Union 2019Vielleicht gabs ja eine „Executive Order“ vom allmächtigen Commish. Der erwähnt auch nur die positiven Aspekte und lässt alles Negative geflissentlich aus.

Nach dem vielen Negativen möchte ich aber auch die positiven Aspekte keinesfalls verschweigen, denn davon gabs auch einige.

Die Highlights

1. Die Efe Obada „Feelgood-Story“ in Folge 2 fand ich super. Ich wusste, dass er Brite ist und über das „International Pathway Program“ in die NFL gekommen ist. Das war es aber auch schon.

Hier konnte man ihn noch sehen, wie er seine Ex-Teamkollegen der „London Warriors“ besuchte und vor allem seine bedrückende Geschichte als Straßen- / Pflegefamilienkind hören. Aber auch da: Ausführlich Thema in genau einer Folge und danach nahezu nichts mehr von ihm.

2. Die Aufteilung in acht Folgen finde ich nach wie vor perfekt (wenn auch diesmal einige kürzere dabei waren).

3. Der Sprecher ist wie in den anderen Staffeln Jon Hamm, der dafür zusammen mit der kompletten Crew vor drei Jahren einen Emmy abstaubte und dem ein oder anderen als Hauptdarsteller der Serie „Mad Men“ bekannt sein dürfte (oder aufgrund seiner Schlagzeilen bezüglich Alkoholabhängigkeit):

4. Zwei mit grandioser Musik hinterlegte Szenen waren für mich absolute Meisterwerke: Das „Carry Me Home“ von den Sweeplings  passte in Folge 7 genauso perfekt zu den schwindenden Hoffnungen auf die Playoffs wie das „Walk Away“ von  Ben Harper zum Abschied der langjährigen Panther Thomas Davis, Julius Peppers und Ryan Kalil.

Beide Musikacts kannte ich noch nicht und werd ich mal genauer reinhören. In der Cardinals-Staffel habe ich damals übrigens die Zac Brown Band entdeckt, die seitdem nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken ist.

Fazit

Ich gebe der Staffel zwei von fünf Panthern.

Oder drei.

Egal. Es war das bekannte und von mir sehr geschätzte Format, aber der Inhalt konnte mich leider nicht wie gewohnt begeistern.

Das sollte Hard Knocks mit den Raiders toppen können…

Die Spinoffs

Wenn etwas so erfolgreich ist wie All Or Nothing, dann dauert es üblicherweise nicht allzu lange, bis es ein paar Spinoffs gibt. Das ist auch hier so – mittlerweile sind gleich eine ganze Reihe Staffeln abseits des Vorreiters in der NFL entstanden:

1. University of Michigan

Ich habe sonst wenig mit College Football am Hut (einfach weil die Zeit fehlt), aber das musste ich trotzdem sehen: Ex 49ers Coach Jim Harbaugh eilt der Ruf voraus (oder hinterher), dass er „nicht ganz rund läuft.“

Er ist klar die Hauptfigur dieser Staffel, aber die begleitete und am Ende enttäuschende Spielzeit (gemessen an der Erwartungshaltung zuvor) klärt bei mir durchaus einige Fragen, was ihn anging. Ich habe auch hier keine Minute bereut:

 

2. New Zealand All Blacks

Bei Michigan gings noch um Football, bei den All Blacks hier geht es gleich um eine komplett andere Sportart, nämlich Rugby. Das verfolge ich noch weniger als College Football (nämlich nahezu gar nicht), aber seit die All Blacks mal neben mir im Flieger Platz nahmen (und es sprichwörtlich dunkel wurde aufgrund der Größe und Hautfarbe der Spieler), bin ich noch ein bißchen mehr „Fan aus der Ferne“. Ganz zu schweigen vom Kriegstanz Haka vor den Spielen.

Anderer Sport, (für mich) schlimmer Akzent… Und trotzdem Must-See-TV. All Or Nothing mit den All Blacks:

 

3. Manchester City

Ich mochte Pep Guardiola bei den Bayern und so machte mir auch diese Rundball-Staffel Spaß (mehr als die Rugby-Staffel). Nett gemacht, aber halt kein Football…

 

4. Borussia Dortmund

Zu der Staffel, die jetzt im August erscheinen soll, gibts meines Wissens noch keinen Trailer. Aber angeschaut wird sie sicher auch…

 

Einen eigenen Twitteraccount hat die Serie unter @allornothingtv übrigens auch:

 

 

 

 

Und erneut danke an @kein_sitzmoebel vom RANDBREITENverlag fürs Korrekturlesen!